Aegidienberger

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Größe:
143 – 152 cm
Gewicht:
600 – 700 kg
Herkunft:
Deutschland
Lebensdauer:
25 – 35 Jahre
Farbe:
Alle Farben
Geeignet als:
Charakter:
FCI Gruppen:
Kopfform
Ponykopf
Körper
Kompakt
Gang
Alle Grundgangarten
Temperament
Auffassungsgabe
Ausgeglichenheit
Für Anfänger geeignet
Gehorsam
    wenig:

    viel:

Der Aegidienberger ist eine deutsche Pferderasse, die erst Anfang der 1980er Jahre von einem einzigen Züchter begründet wurde.

Dieser Züchter hatte das Ziel, südliche Leichtigkeit und nordische Beharrlichkeit in einem Pferd mit einem Tölt der Spitzenklasse zu vereinen. Wie gut ihm das gelungen ist, erfährst Du im nachfolgenden Artikel:

Rassebeschreibung

Der Aegidienberger ist eine erst Ende des letzten Jahrhunderts mit einem ganz bestimmten Ziel gezüchtete Pferderasse: Den beliebten Isländer größer, eleganter und hitzeresistenter zu machen. Den tollen, bequemen Tölt sollte das neue Pferd behalten, aber auch in den normalen Grundgangarten bestens zu reiten sein.

Dieses Ziel ist dem Züchter blendend gelungen, der Aegidienberger hat unter den Gangpferdereitern schon so manchen Fan. Seinen Namen erhielt der Aegidienberger nach seinem Heimatort, an dem er noch heute gezüchtet wird.

Herkunft und Rassegeschichte

Die Idee zur Zucht der Aegidienberger geht auf Isländer-Züchter Walter Feldmann zurück und hat viel mit dem gewaltigen Einfluss zu tun, den die Island-Pferde auf die Hobby-Reiterei in Deutschland ausgeübt haben.

Dass diese Island-Pferde überhaupt nach Deutschland importiert wurden, geht wiederum auf die Initiative einer einzelnen Person zurück: Die deutsche Schriftstellerin und Pferdesachverständige Ursula Bruns, die mit ihrem Roman „Dick und Dalli und die Ponies“ von 1952 die Vorlage für die ab 1955 ausgestrahlten Immenhof-Filme lieferte.

Für die Dreharbeiten dieser heute noch in regelmäßigen Abständen gesendeten Ponyhof-Romanzen wurden die ersten Isländer nach Deutschland geholt.

In der 1960er und 1970er Jahren revolutionierten die kleinen Pferdchen und ihre menschlichen Fans den deutschen Reitsport: Wo sich bisher reiche Leute von ihren Reitknechten aufs edle Ross helfen ließen, schwangen sich nun junge Menschen aller Couleur selbst in den Sattel ihrer erfrischend unedlen Kleinpferde.

Bisher gab es vor allem vornehme Reitställe, in deren Hallen Offiziers- und Arztkinder „treiben, treiben, treiben“ lernten. Nun entstanden wilde, kleine Offenställe für wetterfeste Pferde, deren Besitzer die Ausritte auf ihren ganz von selbst nach vorne stürmenden Isländern ebenfalls bei Wind und Wetter genossen.

Bald gab es die ersten Isländer-Züchter und immer mehr Isländer in Deutschland. Die Isländer-Züchter bemerkten bald, dass die Rücken der rund 1,40 m großen Isländer unter molligen Wohlstandsdeutschen schwer ächzten.

Außerdem stieß die Hitzetoleranz der kleinen Pferde im klimatisch freundlichen süddeutschen Raum an ihre Grenzen.

Isländer-Züchter Feldmann aus dem „rheinischen Nizza“ Bad Honnef hatte sein Gestüt schon extra auf dem etwas kühleren Aegidienberg angesiedelt, aber die dicken Menschen nahmen zu und einigen Isländern war es im Sommer immer noch zu heiß.

1979 wurde dann der Klimawandel mit der 1. Weltklimakonferenz offiziell als ernstes Problem anerkannt und Feldmann begann, eine Idee von hitzeresistenten, schwerer belastbaren Tölt-Pferden zu entwickeln.

Es folgten erfolglose Gespräche mit Friesen-Züchtern, bis Feldmann beim Besuch der Peruanischen Meisterschaften in Lima/Peru Peruanische Pasos sah.

Er war begeistert von den südamerikanischen Gangpferden, die einen sicheren Tölt zeigten, wie Isländer für besondere Leistungsbereitschaft und noch dazu für besondere Kooperationsbereitschaft mit dem Reiter bekannt sind.

Feldmann entwickelte nun in Zusammenarbeit mit dem Rheinischen Pferdezuchtverband und der Uni Bonn ein Zuchtprogramm für eine neue Rasse, die die Stärken beider Rassen vereinen sollte.

Anfang der 80er Jahre kamen im Gestüt auf dem Aegidienberg die ersten Aegidienberger zur Welt. 1994 wurden die Aegidienberger offiziell als Rasse anerkannt, heute bezeichnen Experten den Aegidienberger als eine der attraktivsten Gangpferderassen der Welt.

Aussehen des Aegidienbergers

Aegidienberger

Der Aegidienberger ähnelt im Aussehen mehr dem Isländer als dem Paso Peruano, weil er auch mit einem höheren genetischen Anteil Isländer gezüchtet wird.

Begonnen wird mi einem Isländer und einem Paso, im endgültigen Aegidienberger sind es dann drei Achtel Paso-Blut und fünf Achtel Islandpferdeblut, das sich so auch weiter vererbt.

Der Aegidienberger zeigt eine absolut Isländer-typische Wuschelmähne, wache kugelrunde Augen und gespitzte Öhrchen, die immer in Bewegung sind. Auch der praktische, kräftige, gesunde Körperbau wird zum größten Teil vom Isländer übernommen.

Vom Paso Peruano erbt der Aegidienberger etwa 10 cm mehr Körperhöhe, ein weniger dickes Winterfell und einen kräftigen Schuss Adel und Eleganz. Der Paso trägt z. B. Gene vom edlen Berber in sich.

Zusammen ergibt das ein gutes Pferd mit einem harmonischen Körperbau, das den gut aufgesetzten Hals gerne in natürlicher Aufrichtung trägt, aber auch „durchs Genick“ geritten werden kann.

Kopf, Schulter, leicht abfallende Kruppe und die Beine zeigen kräftige Knochen und genug Muskeln, wo diese hingehören, der Rücken ist tragfähig und der Kötenbehang weniger ausgebildet als beim Isländer.

Das Besondere am Aegidienberger sind seine Gänge: Er beherrscht alle Grundgangarten und bringt Anlagen bis in die Anforderungen anspruchsvoller Dressuraufgaben mit.

Der Aegidienberger wurde jedoch vor allem gezüchtet, um die spezielle Gangart „Tölt“ auf ein größeres Pferd zu übertragen. In diesem Tölt kann er immer noch in großem Tempo flitzen, während Du auf seinem Rücken sitzt wie auf einem sehr gemütlichen Sofa.

Hier kannst Du verschiedene Pferde im Tölt bewundern, Paso Peruano, Isländer, American Saddlebred und Aegidienberger.

Charakter und Wesen

Beide Vorfahren vom Aegidienberger sind kopfklare und verlässliche Pferde, und auch bei der Mischung Aegidienberger stimmt diese Basis absolut.

Ein Isländer ist sehr selbstbewusst und so bewegungsfreudig, dass er z. B. auf Bremsversuche schon einmal störrisch reagiert.

Temperament ist vorhanden, hält sich aber normalerweise in einem vernünftigen Rahmen (obwohl der Isländer durchaus zu ganz eigenen Gedanken fähig ist und dann auch einmal richtig Feuer zeigen kann).

Der Paso Peruano reagiert dagegen immer höchst aufmerksam auf seinen Reiter und ist deshalb als besonders leichtrittig bekannt. Der Paso hat viel Temperament, viel Aktion und viel Adel, ordnet das alles aber gerne und ohne Diskussionen seinem Reiter unter.

Der Aegidienberger ist die perfekte Mischung beider Gemütslagen: Durch das sanfte Wesen des Paso wurde dem Aegidienberger eine besonders gute Rittigkeit „eingebaut“, und er ist insgesamt ein besonders freundliches und umgängliches Pferd, dass es aber nicht an Charakter missen lässt.

Haltung und Ernährung

Während der Aufzucht auf dem Gestüt werden Aegidienberger artgerecht untergebracht und gehalten:
– viel Bewegungsmöglichkeiten
– viel frische Luft
– viel Sozialkontakte

Wie die Details der Haltung des Aegidienberger auf dem Gestüt aussehen oder was Du bei der von Dir geplanten Haltungsform in Bezug auf den Aegidienberger berücksichtigen musst, kannst Du unter gaedingar-group.de/gpz direkt dort erfragen.

Ernährung

Der Aegidienberger ist vermutlich noch leichter zu füttern als der Isländer, weil auch der Paso an sein Futter kaum Ansprüche stellt, Menschen gegenüber aber noch weniger fordernd („höflicher“) auftritt. Voraussetzung ist natürlich, dass Du Dich vor dem Kauf des Pferdes informierst, wie eine gute und artgerechte Pferde-Ernährung aussieht.

Für die Fütterung des Aegidienberger gilt ansonsten das gleiche wie für die allgemeine Haltung: Auf dem Gestüt bekommt er gutes Futter von Weiden, die nicht mit Kunstdünger gedüngt wurden und im Sommer täglich frisch geschnittenes Gras, ev. mit Heu.

Daran kannst Du Dich halten, beim Kauf gibt es bestimmt auch einige Ernährungsempfehlungen, und Du kannst auch später immer um Rat fragen.

Erziehung und Pflege

Der Aegidienberger wird in Deutschland nur auf einem Gestüt gezüchtet und erhält dort eine gute, liebevolle Erziehung. Die Stall-Erziehung eines Aegidienberger wird damit recht einfach – Du musst ihn lediglich gut an Dich und seine neue Umgebung gewöhnen.

In der reiterlichen Ausbildung wirst Du sicher in Richtung Tölt (und ev. Pass, die fünfte Gangart, für die viele Aegidienberger gute Anlagen mitbringen) gehen wollen, wenn Du Dir einen Aegidienberger anschaffst.

Je nachdem, wie weit Du selbst in dieser Richtung schon bist und ob Du Dich auf den Freizeitbereich beschränken willst oder Deinen Aegidienberger auch auf Gangpferde-Prüfungen vorstellen willst, brauchst Du dazu einen Gangpferde-Trainer.

Im Gangpferdezentrum Aegidienberg sind einige Ausbilder mit entsprechenden Kenntnissen beschäftigt, FN-lizensierte Trainer für Gangreiten und weitere Trainer mit anderen Qualifikationen findest Du aber auch über diese Seite der Internationalen Gangpferde Vereinigung.

Noch eine ganz kleine Warnung zum Tölt: Der vierte Gang ist nichts für Reiter, die sich bei hohen Geschwindigkeiten nicht so ganz wohl auf dem Pferd fühlen. Ein Pferd mit starkem Tölt hängt ein in höchstem Tempo trabendes Warmblut in der Regel mühelos ab.

Pflege

Der Aegidienberger ist genau so leicht zu pflegen wie ein Isländer. Oder sogar leichter, weil er im Winter nicht so ein dickes Fell ausbildet.

Voraussetzung ist auch hier, dass Du Dich vor Kauf des Pferdes gründlich informierst, was alles zur guten Pflege eines Pferdes gehört.

Gesundheit und typische Krankheiten

Isländer leiden gelegentlich unter dem sogenannten Sommerekzem, einer allergischen Reaktion auf die Stiche in Island nicht bekannter Insekten (heute nicht mehr nur importierte Isländer, sondern auch andere Pferde, wie bei Menschen nehmen Allergien immer mehr zu).

Ob der Aegidienberger als Isländer-Nachfahre mehr als andere Pferde betroffen sind, kannst Du direkt beim Gangpferdezentrum Aegidienberg auf Gestüt Lindenhof erfragen, gaedingar-group.de/gpz/verkaufspferd.

Dieses Sommerekzem auftritt vor allem bei frisch aus Island importierten Pferden auf, Isländer- und Aegidienberger-Züchter Feldmann hat seit 1964 mit frisch importierten Isländern zu tun.

Bereits 1965 begann Feldmann mit Veterinären an der Arbeit eines unbedenklichen Mittels, das Haut und Fell pflegen und die Selbstheilungskräfte des Pferds unterstützen soll: www.sommerekzem.com.

Ansonsten sind Kleinpferde wie der Aegidienberger gewöhnlich robuster als Großpferde und haben in der Regel sehr viel später im Leben (oder auch gar nicht) mit Muskelverspannungen, Arthrose und Co. zu kämpfen.

Lebenserwartung

Aegidienberger

Die durchschnittliche Lebenserwartung vom Aegidienberger ist statistisch noch nicht genau einzuschätzen, weil die ersten „reinen“ Aegidienberger erst ab Mitte der 1990er zur Welt kamen.

Die leben noch, und können voraussichtlich noch einige Jahre vollumfänglich geritten werden, bevor die echte Rente mit etwas Schonung anfängt.

Der Isländer, der den größten Teil der Gene des Aegidienberger stellt, zählt auf jeden Fall zu den langlebigen Pferderassen überhaupt und wird nicht selten weit über 30 Jahre alt.

Der Paso Peruano, der die Mischung in der neuen Rasse Aegidienberger vervollständigt, ist auch als eher spätreifes Pferde mit hoher Lebenserwartung bekannt.

Pferderasse Aegidienberger kaufen

Aegidienberger kannst Du direkt beim Züchter kaufen, im Gangpferdezentrum Aegidienberg auf Gestüt Lindenhof in Bad Honnef/Aegidienberg. Oder Du schaust einfach beim „Aegidienberger Tag“ vorbei, der findet jedes Jahr am 3. Oktober statt.

Sollte dort kein Aegidienberger zum Verkauf stehen, könntest Du dann noch bei der IGFA Interessengemeinschaft und Förderverein für Aegidienberger Pferde e.V oder bei der Internationalen Gangpferde Vereinigung nachfragen, ob sie Dir Kontakte vermitteln können. Unter igv-online.de findest Du auch die Kontakte, die Dich zur IGFA führen.

Entscheidungshilfe

Wenn es wirklich ein Pferd als Haustier sein soll, denken die meisten Menschen an ein „ganz normales Pferd“, also ein Pferd aus einer der vielen Warmblutrassen.

Warum eigentlich? Wer erst einmal auf einem Isländer einen rasanten Tölt hinter sich gebracht hat, ist gewöhnlich sehr schnell offener für diese „andere Form“ der Reiterei.

Genau deshalb sind die Isländer auch sehr bekannt und sehr begehrt, während der noch ziemlich neue Aegidienberger bisher als eine Art Geheimtipp unter Kenners gehandelt wird.

Wenn Du Dich für die „Reiterei der Freiheit“ erwärmen kannst und genug Natur um Dich herum hast, ist der Aegidienberger also eine mehr als spannende Alternative.

Quellen

https://gaedingar-group.de/gpz/aegidienberger

https://igv-online.de/die-grosse-welt-der-gangpferde/aegidienberger-gangpferde-aus-deutschland/

https://www.markt.de/ratgeber/pferde/aegidienberger/

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Kommentare

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