Hundetrainerin auf zwei Kontinenten

Antje Hebel kann jeden ihrer Kunden verstehen, der sie wegen Erziehungsproblemen mit seinem Hund um Hilfe bittet. Denn ihr ging es mit ihrem ersten Hund genauso. Er gab den Anlass dazu, dass sie sich intensiv mit Hundeerziehung auseinandersetzte und schließlich Hundetrainerin wurde. Im Januar 2010 wurde nun ihr erstes Buch mit dem Titel „Jeder Hund ist anders“ veröffentlicht. Antje Hebel hofft, damit anderen Hundehaltern ihre gewaltfreie Erziehungsmethode näher zu bringen und das Zusammenleben mit ihren Hunden angenehmer zu gestalten.

Einige Monate im Jahr verbringt sie auf Bali, wo sie Einheimische im richtigen Umgang mit Hunden unterrichtet und in ihrem eigenen Hundecenter "Doggies Paradise" Hundetrainer ausbildet. Ihr Herz gehört den vielen Straßenhunden auf Bali, um die sie sich zusammen mit Tierärzten und anderen engagierten Hundeliebhabern kümmert.

Wir sprachen mit ihr über ihren Werdegang, Hundetraining in Deutschland und die unterschiedliche Hundehaltung in Europa und Asien.

HTR: Frau Hebel, wenn Ihre eigenen Hunde für fünf Minuten sprechen könnten, was würden Sie sie als erstes fragen und wie würde wohl die Antwort Ihrer Hunde lauten?

AH: Nun, mein Alphahund nickt immer, wenn ich etwas wissen möchte. Er scheint also mit allem einverstanden zu sein. Aber ich würde trotzdem alle fragen, ob sie glücklich sind bei mir. Und ich hoffe, die Antwort wäre "Ja".

 

HTR: Wie sind Sie dazu gekommen, Hundetrainerin zu werden?

AH: Weil mein erster Hund einfach unmöglich war. Es war einer dieser deutschen Schäferhunde, die nur auf dem Hundeplatz diszipliniert sind, aber ansonsten machen, was sie wollen. Bronco hat an der Leine gezerrt, andere Hunde angepöbelt und nie auf mich gehört. Er hat meinen Traum zerstört, einen wohlerzogenen, zuverlässigen Hund wie Lassie zu haben.

Ich war frustiert und wollte das ändern. Also habe ich mir endlose Dokumentarfilme über Leben und Verhalten von Wölfen, Dingos und Hunden angeschaut. Habe Workshops und Schulungen besucht und so ziemlich alle Bücher über Hundeverhalten studiert. Mir wurde schnell klar, dass mein Hund und ich in völlig verschiedenen Welten lebten und ständig aneinander vorbei kommunizierten. Zur gleichen Zeit wurden die positiven Trainingsmethoden immer mehr aktuell, das Clickertraining hielt Einzug und harsche Trainingsmethoden wurden mehr und mehr verdrängt. Das gefiel mir viel besser als der Kasernen-Drill auf dem Hundeplatz. Und auch Bronco war begeistert. Es dauerte nicht sehr lange und er war der zuverlässige und gut erzogene Hund den ich immer wollte. Meine Freunde fanden den Wandel im Hund erstaunlich und baten mich, ihnen auch bei der Erziehung Ihrer Hunde zu helfen. Bis heute lerne ich und versuche Hunde zu verstehen. Mittlerweile habe ich mich auf Problemhunde spezialisiert und arbeite jetzt als Verhaltenstrainerin mit den etwas schwereren Fällen.

 

HTR: Was hält Ihre Familie von Ihrer ja doch etwas ungewöhnlichen Arbeit?

AH: Meine Eltern haben meine Lebensphilosophie und meinen unkonventionellen Werdegang immer mit Geduld und Verständnis unterstützt. Durch ihren Beistand konnte ich werden, was ich heute bin: Ein freier Mensch, der seine natürlich Begabungen zum Beruf machen konnte, um anderen zu helfen.

 

HTR: Was sind Ihrer Meinung nach die größten Fehler in der Hundehaltung?

AH: Ich denke, überall auf der Welt denken Menschen, dass Ihr Hund sie versteht. Sie setzen voraus, dass der Hund weiß, was gemeint ist. Das ist schade. Unsere Hunde bemühen sich wirklich, uns zu verstehen, aber ohne die richtige Körpersprache wird das eben nichts. Dann interpretiert der Hund unsere Anweisungen auf seine Art oder überhaupt nicht.

 

HTR: Was würden Sie Hundeanfängern raten?

AH: Legen Sie Ihre Ängste ab und vertrauen Sie Ihrem Hund. Fördern und fordern Sie Ihren neuen Freund. Dazu brauchen Sie ganz viel Geduld, müssen Gelassenheit ausstrahlen und immer souverän handeln. Lassen Sich sich nicht von Ihrem Hund aus der Ruhe bringen!

 

HTR: Wie findet man den richtigen Hund für sich?

AH: Das Wohl des Hundes sollte bei der Entscheidung absolute Priorität haben. Dazu sollte jeder ehrlich in den Spiegel schauen und sich selbst fragen: Bin ich bereit und in der Lage einem Hund genau das zu geben, was er vom Wesen her braucht? Hunde lesen Körpersprache und erfassen die Energie oder Aura eines Menschen bis ins Detail. Denn sie brauchen unsere Hilfe, um sich in unserer menschlichen Welt zurechtzufinden. Wenn die Energien von Hund und Mensch nicht harmonieren, gibt es Ärger. Ein Mensch, der zur Trägheit neigt, sollte sich also lieber keinen hochmotivierten Labrador zulegen. Und eine Familie mit drei tobenden Kindern ist nicht das richtige Zuhause für einen ängstlichen Yorkshire Terrier.

Ich selber liebe Border Collies, aber ich werde niemals einen haben. Da ich weiß, dass ich die Bedürfnisse dieses Hundes aus Zeitgründen nicht befriedigen könnte.

 

HTR: Ist Ihr Erziehungskonzept für jeden Hund und jedes Problem geeignet?

AH: Ich habe kein bestimmtes Erziehungskonzept. Jeder Hund ist anders und braucht anderen Zuspruch. Ich arbeite hauptsächlich mit Körpersprache, Blickkontakt und Gegen-Konditionierung. Das heisst, um ein Fehlverhalten zu beenden, wird dem Hund ein Alternativverhalten beigebracht. Das funktioniert oft innerhalb von Minuten. Einen Hund, der aggressiv auf Artgenossen reagiert, lenke ich extrem stark ab, bis er am anderen Hund das Interesse verliert. Aber die Art der Ablenkung ist von Hund zu Hund verschieden. Es gibt kein Patentrezept. Entscheidend für den Erfolg ist, den Hund richtig einzuschätzen und dann die passende Methode anzuwenden. Das erfordert viel Erfahrung, Fingerspitzengefühl und Respekt vor dem Hund.

Der schwierigste Teil kommt aber erst danach. Wenn ich dem Besitzer vorführe, was er bei sich selbst ändern muss, um eine permanente Verbesserung beim Hund zu erzielen. Denn niemand wird gerne mit seinen eigenen Ängsten und Schwächen konfrontiert.

 

HTR: Gibt es Ihrer Meinung nach Hunde, die nicht erziehbar sind?

AH: Sicher. Wenn ein Hund in frühester Kindheit die falsche Prägung erfahren hat, ist das kaum mehr zu beheben. Aber auch chronische Schmerzen sind Ursachen für nicht endendes Fehlverhalten bei unseren Hunden.

Abgesehen davon sind Hybriden oder reinrassige Dingos auch nicht erziehbar. Die Triebe und Instinkte kommen mit spätestens 18 Monaten voll durch, da hilft die beste Erziehung nichts.

 

HTR: Halten Sie einen Hundeführerschein für sinnvoll?

AH: Ja absolut.

 

HTR: Wann waren Sie das erste Mal auf Bali und wann haben Sie beschlossen, dort zu leben?

AH: Ich glaube, das war 1996. Ich war vom ersten Moment an begeistert von der Gelassenheit und Toleranz der Balinesen. Die friedliche, zeitlose Lebensweise hat mich total fasziniert. Ich konnte einfach nur ich selbst sein und das war in Deutschland für mich kaum noch möglich. Danach kam ich mehrmals wieder und seit 1999 ist Bali mein zweiter Wohnsitz.

 

HTR: Wann und warum haben Sie beschlossen, mit Hunden auf Bali zu arbeiten?

AH: Um die Jahrtausend-Wende kamen hier westliche Hunde in Mode. Aber nicht die kleinen, süßen, sondern die schwarzen und möglichst böse aussehenden Hunde. Immer öfter sah ich, wie Dobermänner und Rottweiler ihre ahnungslosen Halter über den Strand zerrten. Da habe ich begonnen, mich bei Tierärzten und Petshops vorzustellen und habe kostenloses Live-Training gegeben, um die Menschen von meinem Können zu überzeugen.

 

HTR: Wie unterscheiden sich Deutsche und Indonesier in der Hundehaltung? 

AH: Die Deutschen haben ein Basiswissen und sind bereit, Geld für das Wohl des Hundes auszugeben. Asiaten wissen nichts über Hunde, außer dass sie bellen sollen, wenn jemand einbricht. Kosten sollte ein Hund möglichst nichts.

In Deutschland ist ein Hund Familienmitglied, die Besitzer sind emotional mit ihm verbunden. Hier spielt das Wesen des Vierbeiners eine große Rolle.

In Indonesien sind Hunde in viel zu kleinen Boxen alleine untergebracht. Nur nachts dürfen sie in den Hof.

Hunde sind in Asien Statussymbole, Geld-Vermehrungs-Instrumente oder sogar Nahrungsmittel. Der Hund soll einen möglichst langen Stammbaum haben, der Charakter ist dabei ziemlich nebensächlich.

 

HTR: Was war Ihr schönstes bzw. schlimmstes Erlebnis auf Bali?

AH: Das Schönste ist immer wieder, wenn ich das Vertrauen eines Straßenhundes gewinnen kann. Wenn ich ihn nach vielen Versuchen endlich anfassen darf und er mir die Futterreste von den Händen leckt. 

Das Schlimmste war, als mein erster Bali-Hund vergiftet wurde. Und als mein Cockerspaniel an Borreliose starb, weil die Tierärzte dort noch nicht einmal wussten, dass es diese Krankheit gibt.

 

HTR: Sollte man Ihrer Meinung nach Hunde aus südlichen Ländern nach Deutschland bringen:

AH: Nein! Aber um dieses Urteil etwas abzudämpfen, hier ein paar Gründe:

Diese Hunde haben oft keine gute Meinung von Menschen. Sie wurden gequält und misshandelt. Menschen zählen also nicht zu ihren besten Freunden.

Straßenhunde sind nicht gezielt gezüchtet worden. Alle Triebe und Instinkte sind ganz natürlich erhalten. Ihr Lebensmotto heißt: Nur der starke, schlaue und gesunde Hund wird überleben. Dementsprechend skeptisch, smart und unabhängig leben sie auch. Einem willensschwachen, nachgiebigen Besitzer werden sie niemals folgen.

Sie werden von ihren Müttern darauf vorbereitet, unabhängig und frei zu leben. Ein derart geprägtes Verhalten kann man nicht mehr ablegen.

Welpen, die mit wenigen Wochen ausgesetzt werden und trotzdem überleben, haben ein hohes Manko an sozialen Verhaltenswesen. Sie sind überängstlich und haben kein Selbstvertrauen, da ihnen der Umgang mit Mutter und Geschwistern fehlt.Sie sind nicht sozialisiert und auch nicht an das Leben mit Menschen gewöhnt. Sie kennen keine lauten Staubsauger oder Kaffeemaschinen. Sie sind nie Auto gefahren und haben nicht in geschlossenen Räumen gelebt. Davon Halsband und Leine zu tragen, ganz zu schweigen.

Außerdem gibt es leider auch in Deutschlands Tierheimen jede Menge heimatloser Hunde, warum dann noch mehr aus dem Ausland mitbringen?

Diese Argumente beziehen sich jedoch auf wirkliche Straßenhunde. Einfacher ist es bei Hunden, die auch im Ausland mit Menschen zusammengelebt haben. Aber auch diese wurden oft schlecht behandelt und brauchen auf jeden Fall einen neuen Besitzer mit viel Hundeerfahrung.

 

HTR: Frau Hebel, gibt es etwas, dass Sie unbedingt mal machen möchten?

AH: Ich würde gerne ein paar Wochen in Australien auf einer Dingo-Farm mitarbeiten.

 

HTR: Wenn Sie ein Hund wären, was für einer wäre das wohl?

AH: Ich möchte kein Hund sein, sondern eine Katze. Die sind frei und unabhängig, aber werden trotzdem verwöhnt. Denn, wie heißt es so schön: Hunde brauchen einen Anführer, Katzen brauchen einen Diener.

Linktipp

Mehr über Antje Hebel und ihre Arbeit erfahren Sie auf www.clickerhunde.com und www.doggiesparadise.com.

 

Buchtipp

Jeder Hund ist anders: Individuelles Hundetraining mit Spaß und Erfolg

Antje Hebel

Kynos, 2011-04-06
ISBN:3938071699,
Preis:EUR 19,90

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